Don’t blame it on the sunshine

Kurz nach dem Start begann sich ein leichtes Unbehagen breit zu machen. Warum nur dudelte aus dem Autoradio ein Michael Jackson Song? Und dass auf einem Sender, auf dem höchstens ein Track läuft, der einen Sample von Jackson enthält. Noch bevor ich im Handschuhfach nach einer alternativen CD zur morgendlich Beschallung suchen konnte dann die Auflösung: Michael Jackson ist tot.

Obwohl ich nie viel für ihn übrig hatte, war ich zunächst leicht schockiert. Auf dem weiteren Weg dann reflektierte ich: Wie viele Alben waren es genau? Waren es eigentlich nicht nur die Alben Off the Wall, Thriller und vielleicht noch ein zwei Songs auf Bad die den legendären Ruhm begründeten? Was war noch hängen geblieben? Der Moonwalk, der bleiche Freak, das asexuelle Monster zu dem er sich mehr und mehr entwickelte oder die zwei Prozesse wegen Kindesmissbrauchs? Alles nur Boulevard-Trivialitäten. Wen interessiert das?

Ein musikalisches Genie? Bleiben wir beim Genre der so genannten Black Music. Ist das musikalische Schaffen eines George Clinton, eines Isaac Hayes, eines Prince oder das eines James Brown nicht wesentlich höher zu bewerten? Der Spiegel schreibt heute in seiner Titelgeschichte, der eigentliche Verdienst von Michael Jackson wäre es gewesen, die Grenze zwischen R’n’B und der Popmusik ein für allemal zu überwinden. So war Thriller als erstes Alben sowohl in den R’n’B- als auch in den Billboard-Charts gleichzeitig notiert. Und das über zwei Jahre lang.

© Sjors Provoost, CC-BY-SA, Wikimedia Commons

Zugegeben: Thriller war ein Meilenstein des Pop. Meisterhaft produziert von Quincy Jones ist es ein Konzeptalbum, das sich äußerst intelligent der Genres des Pop, des Rock, des R’n’B, des Funk und in Ansätzen des Elektro bedient. Es war das Pop-Album der frühen achtziger, genau so wie Off the Wall als eine Art Disco-Inferno (Der Spiegel), das Disco-Album der ausgehenden siebziger war. Vom einzigartigen kommerziellen Erfolg der beiden Alben einmal abgesehen.

Fraglich, ob das ausreicht um einen Künstler zu Legende werden zu lassen. Andererseits kann man Thriller eine gewisse Zeitlosigkeit nicht absprechen. Auch war es das erste Album, das fast komplett visuell umgesetzt wurde. Über die Qualität der musicalähnlichen Sets in denen die meisten der Clips spielen, lässt sich natürlich streiten. Aber John Landis’ 18-minütiges Video zu Thriller hat sicher Maßstäbe gesetzt. Auch die perfekt choreographierten Tanzszenen waren wegweisend. Wobei eben das der Grund dafür war, warum ich mit Michael Jackson nie wirklich viel anfangen konnte.

Aus Anlass seines Todes sendete das ZDF Ausschnitte aus diversen Konzerten. Auch das alles perfekt inszeniert und choreographiert. Und doch hatte die Liveversion von Thriller eine eigenartige Magie. Der treibende Beat und eine Art Synthi-Bass, die beide in einer Monotonie die Tanzeinlage Jacksons begleitete, dass es fast schon ein wenig an House oder Elektro erinnerte.

Was sonst noch bleibt? Die Jackson Five oder die lächerlichen Alben Dangerous, HIstory und Invincible? Geschenkt! Bei genauerer Betrachtung ist es aber doch genau das, was Jacksons zur Legende macht: Mit zwei einzigartigen Alben hat er die Geschichte der modernen Popmusik begründet. Nicht mehr und nicht weniger. Den Rest kehren wir vorsichtig unter den Teppich der Geschichte.

Get up with it

So weit ich mich erinnern kann war es ein brütend heißer Tag. Ich schwitzte mich die 6 Stockwerke zu dem Mann hoch, mit dem ich später auf ein großes Reggae-Open Air gehen wollte. Ziggy und Rita Marley, Hans Söllner und die üblichen Verdächtigen der Jamaikafraktion standen auf dem Spielplan und ich sah mich vor meinem geistigen Auge schon einen schattigen Platz suchen, der mich vor einem Hitzekollaps bewahren sollte.

Ab dem dritten Stockwerk hörte ich seltsames. Ein verrückter Trompeter spielte sein, durch diverse Wah-Wah-Effekte, völlig verzerrtes Instrument, zwischendurch unterbrochen durch einen Gitarristen der offensichtlich in der falschen Band gelandet war und rockige Solos auf seiner Gitarre spielte. Dazu abgedrehtes Moog-Gezwitscher und ein -mit absoluter Präzision- auf sein Hi-Hat eindreschender Schlagzeuger. In der Wohnung meines Freundes angelangt, fragte ich zunächst, was das für eine durchgeknallte Platte sei. Mit einem leichten Grinsen drückte er mir ein Doppelalbum in die Hand. Auf dem Cover zwei Frauen im Urwald vor einer Art Inkastadt. 70er Space dachte ich. Ich las den Namen auf dem Cover: Miles Davis war der Musiker, Agharta hieß das Album.

Den Namen Miles Davis kannte ich, doch irgendwie hatte ich mir Jazz anders vorgestellt. Zu hören war eine Eruption aus Funk, Rock, Latin, Jazz, Progrock – ungeschliffen und schlecht gemischt (es ist ein Livealbum). Wow, was für eine Offenbarung! Dass der erste Song für die erste Seite der Platte zu lang war, ausgeblendet wurde und auf der zweiten Seite weiterging, das passte ins Konzept. Und dass im Blut des Trompeters noch anderes Substanzen außer Hämoglobin flossen war klar. Trotzdem war die Musik voller Energie, virtuos, jenseits meines bisherigen musikalischen Horizonts. Später nahm ich Agharta und Pangaea auf einen zur Bandmaschine umfunktionierten Videorekorder auf. So konnte ich beide Alben hintereinander hören. Drei Stunden Space Funk und Ekstase. Die beiden Alben sind Tondokumente eines Miles Davis Konzerts in Japan, so fand ich später heraus.

Ein paar Tage später erwarb ich das Album Get up with it von Miles Davis. Der Titel Maiysha war ja immerhin auch auf den durchgeknallten Japan Sessions zu hören und das Album entstand auch ungefähr zu gleichen Zeit. Zunächst war ich enttäuscht. Ein sich quälend lange hinziehendes He Loved Him Madly und der vorher genannten Titel mit nur einem Bruchteil der Energie des Livealbums. Dazu Rated X, eine Art Synthesizer-Kackophonie mit großem Nervfaktor. Die Platte (die Doppel-CD) landete in den Untiefen meiner Sammlung und geriet (fast) in Vergessenheit.

Vor knapp 1 1/2 Jahren erinnerte ich mich an das Album, kramte im CD-Regal und fütterte meinen Player mit dem ersten Silberling. Es war kaum zu glauben: Das Album übte beim ersten Hören nach langer Zeit fast die gleiche Faszination aus wie damals Agharta. Das geschmähte He Loved Him Madly – ein sich langsam steigernder Song, der nach knapp 30 Minuten fast als Jam Session endet. Maiysha – ein Track der als lockerer Latin-Space dahinfließt. Anders als auf Liveaufnahme übrigens wesentlich relaxter. Calypso Frelimo – ein Song von dem ich mich heute noch wundere, warum ich ihn damals so verkannt habe. Selbst Rated X geht als Soundtrack für eine wilde Verfolgungsjagd zweier Raumschiffe durch.

Seit meiner Wiederentdeckung habe ich das Album gefühlte eintausend mal gehört und es ist nie langweilig geworden. Der ein oder andere wird sich erinnern, dass ich früher behauptete, nachts erscheine mir Miles Davis. Es ist wieder so weit.

Ge up with it!

Monday Night Homesick Blues

Spät, zu spät im Kleinstwagen nach Hause gefahren. Den ganzen Weg über ein einziges Lied aus dem Radio vom Jugendsender meiner Wahl. Minimoonstar in der Full Session. Später dann Full Session am Mac, Full amazon, Full DHL. Ricardo Villalobos – Vasco EP:

Die Rettung war der Dub

Wieder die gleiche morgendliche Situation: zur Belohnung für eine arbeitsreiche Woche sollte zumindest die morgendlich Fahrt ins Büro mit guter Musik unterlegt sein. Wieder mit dem Finger über die CDs im CD-Regal gefahren und bei DJ-Kicks von Thievery Corporation stehen geblieben. Irgendwie stehe ich zur Zeit auf 70 Minuten Sets aus der DJ-Kicks Serie. Thievery Corporation – eine echte Perle der Reihe. Rob Garza und Eric Hilton, das sind die beiden Köpfe die hinter dem Projekt stehen.

Thievery Corporation

Die Kicks-Scheibe ist eine Mischung aus dem, was man heute als Lounge bezeichnet, Brazil, Indische Sitar auf schnellen Beats und Dub. Bei jedem der 18 Tracks ist irgendwo ein Echo einer Flanger oder irgendetwas Düsteres zu hören. Das steht im Gegensatz zur eigentlich heiteren Grundstimmung der Scheibe. Um es kurz zu machen: alles ziemlich entspannt und unaufgeregt, nicht so rootsy wie die DJ-Kicks von Terranova, dafür aber edler. Eine echte Perle.

It takes a Thief!

Terranova!

Freitags nehme ich mir meistens, das nahende Wochenende vor Augen, irgendeine CD mit ins Auto und belohne mich auf diese Art und Weise für die vergangene Woche. Diese Woche hatte ich besonders viel Grund zur Belohnung. Am Donnerstag musste ich einen halbstündigen Vortrag zu einem IT-relevanten Thema halten und der war mir, so zumindest das Feedback der Kolleginnen und Kollegen und meiner Vorgesetzten, ziemlich gut gelungen. Unter voller Ausnutzung der Gleitzeit stand ich also morgens vor meiner CD-Sammlung und ließ den Finger über meine CDs streichen. Es sollte schon ein Mix sein – irgendein 70 Minuten Nonstopsong, der mich dann bis zum Montag in meinem Kopf begleiten sollte.

Die Wahl viel auf Terranovas DJ-Kicks. Mitte der Neunziger startete das Berliner Label !K7 eine, bis heute fortgeführte Compilation-Reihe, mit DJ-Mixen. Dabei waren das nicht einfach irgendwelche Mixe – so etwas gab es ja schon – mehr oder weniger bekannter DJs. Ziel der Sache war es, ein komplettes Set auf CD zu bannen. Und es war wirklich so: die Sets wurden größtenteils komplett live eingespielt. Das hörte man daran, dass in ruhigeren Passagen teilweise tatsächlich das Knistern der Platten zu hören war. Durch diese Livehafitigkeit und durch die Beschränkung auf maximal 70 Minuten, haben diese Compilations ihren ganz eigenen Flair. Beim Hören fühlt man sich wirklich mitten in einen kleinen Club versetzt. Man sah vor seinem geistigen Auge, wie die Protagonisten ihre 1210er bearbeiteten. Die Atmosphäre – diese Mischung aus Schweiß, Bier und Zigarettenqualm quoll förmlich aus den Lautsprechern, rotierte eine DJ-Kicks CD im Player.

Eine der besten DJ-Kicks Alben ist für mich das von Terranova. Es ist ein großartiger Mix aus scheppernden Trip-Hop (Howie B), abgedrehten Funk (Dj Spooky), Electro (Patrick Pulsinger), GoGo (The Junkyard Band) und, last but not least, befindet sich auf der Scheibe der ultimative HipHop Track: Jungle Brother von gleichnamiger Band im Terranova Remix.

Terranova DJ-KICKS

Als mich damals diese Scheibe zulegte, überlegte mich allen Ernstes auch mit dem DJ-ing zu beginnen und schaute mich schon nach den entsprechenden Equipment um. Letztendlich scheiterte das Projekt aber am Geld (zwei 1210er inklusive System und Mischpult kosten halt eine Stange) und an der Zeit. Rückblickend gesehen war das auch ganz gut so. Hat es der Menschheit doch einiges erspart und wahrscheinlich wäre ich früher oder später sowieso zu der Einsicht gelangt, dass ich auch nie ansatzweise so gut werden würde wie die Meister, deren Können auf den Alben verewigt ist.

Nough Respect !K7 and all related Artists

Übrigens besitze ich eine respektable DJ-Kicks Sammlung. Eine Zeit lang fieberte ich dem nächsten Release förmlich entgegen. Einiger meiner Perlen werden hier sicher noch Einzug in die Rubrik Ohrfeigen finden.

Snow on Easter Sunday

Liebe Freunde der Kakophonie,

heute stand ich vor meinem CD-Regal und da stach mir dieses hässliche, rosafarbene Cover in die Augen. Ein Griff und ich erinnerte mich: es war Perverted by Language von The Fall. Als ich zum ersten mal The Fall hörte, so war dies (so wie später der erste Hörgenuss von Miles Davis’ Agharta) etwas, was mich in meinen musikalischen Grundfesten erschütterte. The Fall zu beschreiben ist in etwas so wie das Gefühl zu beschreiben, vom Blitz getroffen zu werden. Die Musik irgendwo zwischen Punk, Psycheldelic-Folk, erkranktem Rock’n Roll und Düsenjet, die Texte zwischen Surealismus, Ironie und Gaga. Es gab über 88 Alben, die unter der Marke The Fall eingespielt wurden. Einzige Konstante war und ist Mark E. Smith (unvergessen das Tributalbum Perverted By Mark E. / A Tribute To The Fall), der für Gesang und Geräusche zuständig ist.

Perverted by Languae

Ende der 80er kaufte ich mir das Album Perverted by Language. Den Namen der Band las ich in irgendeinen Musikmagazin, wusste aber nicht wirklich was da auf mich zukommt. Einmal im CD-Player nahm das Fansein seinen Lauf und es gipfelt nun hier, in diesem Post im Blog. Schon der erste Titel war Program: Eat Y’self fitter. Eine unglaubliche Energieleistung mit Textzeilen wie “Waht’s a computer? – Eat y’self fitter – Eat each other! Eat y’self fitter”. Bis heute weiß nicht, ob es sich bei dem Text um eine frühe Parodie aufs Abnehmen handelt, oder ob Mark E. Smith einfach nur das sang , was ihm gerade in den Sinn kam. Trotz allem beschreiben die Lieder auf dem Album einen Spannungsbogen, vom energiegeladenen, bereits erwähnten Eat Y’self fitter, über die Feedbackorgie Neighboruhood of Infinity zum mysteriösen Garden hin zum genial schleppenden Hexen Definitive, welches dann nahtlos zum letzten Song Strife Knot übergeht.

Gäbe es eine Blaupause für ein Konzeptalbum, sie würde sicher Perverted by Language heißen.

‘Nough Respect!

The Florida Airport Tape

Liebe Freunde des guten Geschmacks,

es ist an der Zeit, endlich eine neue Kategorie namens Ohrfeigen zu eröffnen. Nein, es geht hier nicht um körperliche Gewalt gegen Hörorgane. Es geht vielmehr darum, einige musikalische Highlights, die sich im Laufe der (man muss mittlerweile ja fast schon sagen) Jahrzehnte in meinem Plattenschrank und CD-Regal angesammelt haben, einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Um auch eines gleich vorwegzunehmen: Es geht hier auch nicht darum, neue Platten zu besprechen oder in verklärten Erinnerungen zu schwelgen. Ich werde hier ganze Platte/CDs vorstellen, einzelne Lieder und was auch immer mir gerade in den musikalischen Sinn kommt. Aber seht (und vielleicht auch hört) doch einfach selbst.

Als Erstes eine Compilation, auf die ich 1989 gestoßen bin. Der Begriff Compilation ist eigentlich falsch. Es handelt sich vielmehr um eine Ansammlung von Songs, die so vom Künstler noch nie veröffentlicht worden sind, die eine spezielle Geschichte haben, eine “folkloristische Signifikanz” (O-Ton), die ein außergewöhnliches instrumental anspruchsvolles Solo beinhalten oder die einfach nur anders sind. Gemeint ist die Reihe You cant‘t do that on Stage anymore von Frank Zappa. Auf insgesamt 6 Doppel-CDs veröffentlichte Zappa vor seinem Tode Lieder, Songs und Performances, die den vorher genannten Kriterien entsprachen. Einer der Besten aus dieser Reihe war gleich Vol. 1. Ich könnte hier stundenlang über die einzelnen Songs und Versionen referieren, die CD gehört sicher zu den von mir am meisten gehörten Alben. Eines der Performances ist mir aber besonders in Erinnerung geblieben, der erste “Song” auf CD 1 – das Florida Airport Tape.

You Cant't Do That On Stage Anymore

Laut Booklet wurde es mit einem analogen 2-Spur Bandgerät aufgezeichnet. Ich vermute stark, mehr oder weniger zufällig. Das Ganze geht so: Zappa und seinen Mannen laufen über den Flughafen in Florida. Irgendjemand pfeift und Mark Volman fragt:

Could I just ask: did anybody see me puke on stage?

Daraufhin der Rest der anwesenden Band:

You puked on stage!??

Volman:

Yes I did it was right in the middle of singing Easy Meat. All of the sudden it came puking out of my mouth an I just put my hand over like that.

Kaylan/Zappa:

Oh!

Volman:

You didn’t geht that on film?

Kaylan:

Outa-Sight!

Zappa:

Gimmi that in slow motion….

Volman:

I thought you guys all cut that… I got really sick from ah… that jumpin’ around each time… all that scotch and wine? Just weird, I only did it for about a second, you know it’s just like a little sound-hooker I kinda shoved it back down my throat and went on stage.

Kaylan:

That is strange man!

Irgendjemand aus dem Hintergrund:

Ratzo rizzo!

Zappa:

He saved it because he might be hungry later

Volman:

Eeeeeeeh! Get the big pieces.

Dann beginnt der Basslauf von Once Upon a Time. Nichts könnte die Intention der Compilation besser auf den Punkt bringen als diese knappe 1 Minute.

In diesem Sinne ein dreifach donnerndes: Don’t eat that yellow Snow!