Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Plattenspieler. Er war aus dem Hause Dual und war so ein kleines, mit Kunstleder bezogenes Teil. Vorne hatte es einen Griff und den Lautsprecher konnte man auf das Gerät stecken und so beides komfortabel zur nächsten Party transportieren. Nun war ich damals noch nicht in dem Alter, um auf wilde Partys zu gehen. Mein Horizont erstreckte sich mehr auf Pumuckl Schallplatten (legendär: Alfred Pongratz als Meister Eder und Hans Clarin als abgespacter und völlig hysterischer Pumuckl). Der Plattenspieler war kleiner als der Durchmesser einer Schallplatte. Damit das wertvolle Vinyl nicht hoffnungslos verstaubt, musste man es also jedesmal wieder vorsichtig in die Hülle befördern.

Das zweite Gerät war ebenfalls von Dual. Es hatte einen Mechanismus, der den Tonarm sanft auf die Platte hinuntersenkte und wenn der Arm zum Ende der Platte angekommen war, so fuhr das Abtastgerät wie von Zauberhand wieder in seine Ausgangsposition zurück. Das Gerät hatte einen eingebauten Verstärker und man konnte zwei Boxen anschließen, die einen mehr als ordentlichen Klang erzeugten. Als ich diesen Plattenspieler von meiner Mutter (oder war es mein Onkel?) erbte, hatte ich die Pumucklphase schon hinter mir gelassen. Meine Mutter hatte eine respektable Sammlung an Beatlesplatten und von meinen Onkel bekam ich ein Schallplattenalbum. Es bestand aus ungefähr 10 Platten von den Lords, den Shadows und zwei Liveplatten der Beach Boys.

Das Gerät war größer als der Durchmesser einer Schallplatte und es hatte eine Abdeckhaube aus durchsichtigem dunkelbraunen Kuststoff. Die Abdeckhaube konnte man nur als Ganzes auf den Spieler setzen, was ein ziemliches Gefummel war. War man zu hektisch, so erwischte man beim Aufsetzen den Tonarm und der schoss dann mit einem lustigen Bogen auf den Plattenteller oder die darauf liegende Platte. War der Plattenspieler noch eingeschaltet, so tönte aus den beiden Boxen, mehrfach verstärkt, die Leiden der malträtierten Abtastnadel und das kreischen des zerkratzten Vinyls.
Später kam dann das Zeitalter des mobilen Musikgenusses. Mein Vater schenkte mir zu meinem 14. Geburtstag einen Walkman. Es war keine original Walkman von Sony, sondern ein “Compact Cassettenabspielgerät” von der Firma elta. Es war etwas größer als sein Bruder von Sony und besaß ziemlich uncoole Kopfhörer mit orangefarbenen Schaumstoff über den Ohrmuscheln. Trotzdem liebe ich dieses Gerät. Um Geld zu sparen betrieb ich es mit Akkus die ich aus meinem ferngesteuerten Auto klaute. Egal wohin ich ging, das Gerät war immer dabei. Ich saß tage- und nächtelang vor meiner Marantz-Anlage und schnitt Musik aus dem Radio mit oder kopierte Platten auf Band. Der elta-Walkman hatte zwei Kopfhöreranschlüsse und so konnte ich Freunde einladen, an meinem Musikgenuss teilzuhaben. Voraussetzung war lediglich ein funktionierender Kopfhörer.

Der zweite Walkman war ein Gerät von Panasonic. Es besaß die Möglichkeit, Kassetten ohne umzudrehen abzuspielen. Diese Funktion nannte sich Auto-Reverse und war damals absolut State of the Art. Leider war das Gerät ziemlich groß und klobig. Und mit 18 hatte ich dann endlich einen original Sony Walkman. Da war die Ära der Musikkassette aber fast schon beendet. Fast zeitgleich dazu nannte ich einen der ersten portablen CD-Player mein Eigen. Diesen besitze ich heute noch. Er war, zumindest was den Sound anbelangte, ein regelrechter Quantensprung. Die vier Batterien die man für den mobilen Betrieb benötigte, hielten ca. 3 Stunden durch. Meist reichte es also nur für 2 1/2 CDs. Außerdem war das Gerät äußerst erschütterungsempfindlich. Einmal die Schultasche mit zu viel Schwung auf den Sitz der S-Bahn geknallt, schon war der Musikgenuss für mehrere Sekunden unterbrochen.
Der Klang des Geräts jedoch war aber eine Klasse für sich. Es hatte zwar keinen Equalizer aber einen Schieberegler, mit dem man den Bass anheben konnte. Da Kopfhörer für den mobilen Einsatz zu einer gewissen Baßarmut neigen, hatte man auf diese Art und weise einen wirklich fast perfekten Sound.
Alle diese Geräte hatten eines gemein: mit (rückblickend gesehen) einfachen Mitteln bekam man ordentlich was auf die Ohren. Selbst meine Walkmänner hatten ordentlichen Sound, sieht man vom obligatorischen Rauschen der Compact-Cassetten einmal ab. Seit einiger Zeit nun scheint sich ein neuer Trend breit zu machen: LoFi für alle. Richtig bewusst geworden ist mir diese Tatsache eigentlich erst gestern, beim ersten Freibadbesuch dieses Jahres. Von links ertönte plötzlich Rock aus einem, mit voller Lautstärke plärrenden, Handy. Als Alternativprogramm hörte eine Gruppe jugendlicher, die rechts von mir lagen, HipHop der Sorte “Buh, ich bin der böse Mann!”. Diese Kakophonie traf sich genau an meinen Liegeplatz und gab sich dort ein lärmendes Stelldichein. Das Schlimme war nicht aber eigentlich nicht die Musik oder deren Verschmelzung direkt über meinem Liegeplatz. Nervig war dieser quäkige, verzerrte Handysound aus beiden Richtungen. Selbst mein allererstes Transistorradio, das ich mir auf den Gepäckträger meines Kinderfahrrads schnallte, hatte einen besseren Sound als das LoFi Geplärre aus den Handys der beiden Freibadgangs.
“Warum eigentlich noch viel Geld in teuere Endstufen und Lautsprechertürme investieren?” schoss es mir durch den Kopf. Meine nächste Anlage wird aus einem Handy bestehen, welches ich in die Mitte unseres Wohnzimmers legen werde. Voll aufgedreht dudelt es dann den ganzen Tag MP3s mit 96 kbit. Auch die Anschaffung von Kopfhörern kann ich mir sparen. Zukünftig kann ich meine Anlage mit wenige Handgriffen überall mit hin nehmen. Ich freue mich schon auf die erste Beschallung eines überfüllten Stadtbahnwagens mit Frank Zappa oder DJ Kicks und auf die erste Battle gegen ein Agro-Pop oder jemenitische Leiermusik brüllendes Handy.
Vergesst HiFi und vierzig Jahre Entwicklungsarbeit der Hersteller audiophiler high-end Klangerzeuger. Die wahre Revolution kommt wie immer von unten. Sie heißt LoFi.