So weit ich mich erinnern kann war es ein brütend heißer Tag. Ich schwitzte mich die 6 Stockwerke zu dem Mann hoch, mit dem ich später auf ein großes Reggae-Open Air gehen wollte. Ziggy und Rita Marley, Hans Söllner und die üblichen Verdächtigen der Jamaikafraktion standen auf dem Spielplan und ich sah mich vor meinem geistigen Auge schon einen schattigen Platz suchen, der mich vor einem Hitzekollaps bewahren sollte.
Ab dem dritten Stockwerk hörte ich seltsames. Ein verrückter Trompeter spielte sein, durch diverse Wah-Wah-Effekte, völlig verzerrtes Instrument, zwischendurch unterbrochen durch einen Gitarristen der offensichtlich in der falschen Band gelandet war und rockige Solos auf seiner Gitarre spielte. Dazu abgedrehtes Moog-Gezwitscher und ein -mit absoluter Präzision- auf sein Hi-Hat eindreschender Schlagzeuger. In der Wohnung meines Freundes angelangt, fragte ich zunächst, was das für eine durchgeknallte Platte sei. Mit einem leichten Grinsen drückte er mir ein Doppelalbum in die Hand. Auf dem Cover zwei Frauen im Urwald vor einer Art Inkastadt. 70er Space dachte ich. Ich las den Namen auf dem Cover: Miles Davis war der Musiker, Agharta hieß das Album.
Den Namen Miles Davis kannte ich, doch irgendwie hatte ich mir Jazz anders vorgestellt. Zu hören war eine Eruption aus Funk, Rock, Latin, Jazz, Progrock – ungeschliffen und schlecht gemischt (es ist ein Livealbum). Wow, was für eine Offenbarung! Dass der erste Song für die erste Seite der Platte zu lang war, ausgeblendet wurde und auf der zweiten Seite weiterging, das passte ins Konzept. Und dass im Blut des Trompeters noch anderes Substanzen außer Hämoglobin flossen war klar. Trotzdem war die Musik voller Energie, virtuos, jenseits meines bisherigen musikalischen Horizonts. Später nahm ich Agharta und Pangaea auf einen zur Bandmaschine umfunktionierten Videorekorder auf. So konnte ich beide Alben hintereinander hören. Drei Stunden Space Funk und Ekstase. Die beiden Alben sind Tondokumente eines Miles Davis Konzerts in Japan, so fand ich später heraus.

Ein paar Tage später erwarb ich das Album Get up with it von Miles Davis. Der Titel Maiysha war ja immerhin auch auf den durchgeknallten Japan Sessions zu hören und das Album entstand auch ungefähr zu gleichen Zeit. Zunächst war ich enttäuscht. Ein sich quälend lange hinziehendes He Loved Him Madly und der vorher genannten Titel mit nur einem Bruchteil der Energie des Livealbums. Dazu Rated X, eine Art Synthesizer-Kackophonie mit großem Nervfaktor. Die Platte (die Doppel-CD) landete in den Untiefen meiner Sammlung und geriet (fast) in Vergessenheit.
Vor knapp 1 1/2 Jahren erinnerte ich mich an das Album, kramte im CD-Regal und fütterte meinen Player mit dem ersten Silberling. Es war kaum zu glauben: Das Album übte beim ersten Hören nach langer Zeit fast die gleiche Faszination aus wie damals Agharta. Das geschmähte He Loved Him Madly – ein sich langsam steigernder Song, der nach knapp 30 Minuten fast als Jam Session endet. Maiysha – ein Track der als lockerer Latin-Space dahinfließt. Anders als auf Liveaufnahme übrigens wesentlich relaxter. Calypso Frelimo – ein Song von dem ich mich heute noch wundere, warum ich ihn damals so verkannt habe. Selbst Rated X geht als Soundtrack für eine wilde Verfolgungsjagd zweier Raumschiffe durch.
Seit meiner Wiederentdeckung habe ich das Album gefühlte eintausend mal gehört und es ist nie langweilig geworden. Der ein oder andere wird sich erinnern, dass ich früher behauptete, nachts erscheine mir Miles Davis. Es ist wieder so weit.
Ge up with it!
