06.04.2008
A Day At The Races
Liebe Kutlurbanausen,
ein Museumsbesuch! “Uaaaaah, wie langweilig!”, werden sich nun die meisten hier an dieser Stelle denken. Ich gestehe, dass ich auch nicht unbedingt zu den fleißigsten Museumsgängern gehöre und das in einer Stadt, die immerhin die größte Otto Dix Sammlung ihr eigen nennt. Mein letzter Besuch der Staatsgalerie in meinem Heimatort Stuttgart, fand irgendwann zu Schulzeiten statt, ist also über 20 Jahre her. Von Museeumsbesuchen im Urlaub abgesehen, empfand ich solche Einrichtungen eigentlich immer als einen Hort der Langeweile. Von einem Exponat zum nächsten trottend, Unmengen an Text auf irgendwelchen Tafeln lesend, verlor ich in der Regel schnell das Interesse und es stellte sich schnell diese Gefühl der Leere gepaart mit latenter Überforderung ein.
Am 20. Mai 2006 eröffnete in Stuttgart das neue Merceds-Benz Museum seine Pforten. Zu der Zeit fuhr ich öfters an dem Gebäude vorbei, welches sich spektakulär helixförmig in den Himmel schraubte. Nun bin ich, obwohl smart-Fahrer, eigentlich überhaupt kein Fan der Marke Mercedes-Benz. Im Gegenteil, die Marke war für mich immer der Inbegriff der Spießigkeit, des Rechthaberischen und ich hatte irgendwie immer das Bild des größenwahnsinnigen Österreichers mit seltsamen Bart und Frisur im Kopf, der sich in einem offenen Mercedes Cabriolet durch die Massen chauffieren ließ. Es sprach also alles gegen einen Besuch des neu eröffneten Mercedes-Benz Museums. Durch diverse Berichte im Fernsehen und Artikeln im Internet und in diversen Tageszeitungen, wurde ich dann aber doch irgendwie neugierig.
“Spektakuläre Architektur” stand dort geschrieben, “revolutionäres Konzept” und so weiter. Da ich in der Stadt lebe, in der das Ding steht, schien nun ein Besuch unausweichlich. Am 25. Mai 2006 begaben sich also meine Freundin und ich nach Untertürckheim um dem Helixbau einen Besuch abzustatten. Am liebsten wären wie gleich wieder umgekehrt: vor dem Eingang befand sich eine ca. 300m lange Menschenschlange, die durch Absperrgitter im Zickzackkurs Richtung Eingang gelenkt wurde. Es war ein kalter, regnerische und windiger Tag und in Ermangelung an Alternativen stellten wir uns an und waren tatsächlich nach ungefähr 2 Stunden drin.
Die Berichte waren nicht übertrieben. Von einer ca. 50m hohen Eingangshalle geht es mit einem Aufzug im Fritz Lang-Stil hinauf in die erste Ebene. Dort angekommen hat man nun die Wahl zwischen zwei Rundgängen, bei denen sich man jeweils Spiralförmig nach unten bewegt, aber auch jederzeit die Möglichkeit hat, von einem zum nächsten Rundgang zu wechseln. Wir entschieden uns für den längeren von beiden Rundgängen, der Variante Mythos. Hier wird die Geschichte des Automobils, der Marken Benz und Mercedes vom Anbeginn an aufgedröselt und in verschiedene Epochen unterteilt, die auf eigenen Ebenen ausgestellt werden. Zwei Ding sind mir sofort positiv aufgefallen: durch die Helixform des Gebäudes gibt es keine gerade Wände. Dies verleiht dem Gebäude einen ganz eigenen, nicht monströsen Charme. Es regiert das Ungleichmäßige. Überall gibt es kleine Luken und Durchbrüche, durch die man auf die anderen Ebenen oder auf die Eingangshalle sehen kann.
Was mir, neben dem wirklich einzigartigen Gebäude, auch sehr gut gefiehl, war die Art und Weise wie die Exponate ausgestellt sind. Es gibt keine Absperrgitter oder Bänder und man kann mit den Autos fast auf Tuchfühlung gehen, seinen Kopf in den Innenraum eines 300 SL aus dem Jahre 1962 stecken, Details an Karosserie und Innenausstattung bewundern und sich an den Gebrauchsspuren mancher der Ausstellungsstücke erfreuen. Das was man von anderen Automuseen kennt, nämlich dass die auf Hochglanz polierten Karren in Reih und Glied stehen und dabei aussehen als seien sie gerade eben frisch vom Band gelaufen, das hat man hier, zumindest bei einem Teil der Ausstellungsstücke bewusst vermieden. So sieht das 290iger G-Modell wirklich so aus, als sei es geradewegs aus einem Steinbruch ins Museum gefahren. Dem 500 SLC sieht man an, dass er die 1980 die Bandama-Ralley gewann. Lediglich den Schlamm und den Staub schien man entfernt zu haben, selbst die zersplitterte Windschutzscheibe ist noch im Original erhalten.
Sehr beeindruckend übrigens auch das Informationssystem. Am Eingang (vor den Fritz Lang-Aufzügen) bekommt man ein Gerät ausgehändigt, was entfernt an einen PDA mit Gummiüberzug erinnert. Daran angeschlossen sind Kopfhörer und damit man beide Hände zum Staunen und Fotografieren frei hat, baumelt dieses technische Konglomerat an einem langen Band um den Hals. Hört sich noch nicht spektakulär an? Vorausgesetzt man hat die Kopfhörer auf, wird man, in Abhängigkeit seines Standortes mit den wichtigsten Informationen zur Epoche und den ausgestellten Exponaten versorgt. Und dies wie von Geisterhand: betritt man eine andere Ebene, so erhält man einen groben geschichtlichen Umriss über die Epoche. Will man dann noch weiterführende Informationen zu einzelnen Ausstellungsstücken, so kann man mit dem Gerät auf einen gekennzeichneten Punkt zielen und einen Knopf drücken. Dann erhält man weitere Informationen, die man sich wahlweise auch kindgerecht anhören kann. Ich als EDVler war von diesem multimedialen Infosystem maßlos begeistert.
Nach 2 1/2 Stunden waren wir durch sämtliche Ebenen durch und auf der Ebene 0 angelangt. Wir gaben unsere Infosysteme zurück und schlenderten noch ein wenig durch das angeschlossene Mercedes-Benz Neuwagencenter. Nach so viel Museum wollte ich mir eigentlich noch irgendeine Erinnerung an den Besuch kaufen, fand aber nichts passendes. Immerhin durften wir die Bändchen zum Umhängen der Infosysteme behalten. Das ganze hat mich so geflasht, dass ich einige Monate später, wieder mit meiner Freundin, noch einmal ins Mercedes-Benz Museum ging, um diesmal den zweiten Rundgang zu bestreiten.
Die Bilder vom ersten Besuch könnt ihr euch übrigens hier anschauen. Bitte entschuldigt die bescheidene Qualität, es liegt an der in mein Blog eingebundene Gallery namens PhotoXhibit. Sobald ich die Bilder von der zweiten Runde einstelle, werde ich versuchen, dies zu optimieren.
Baut mehr Museen!
