vox populi

Wenn Sport und Politik aufeinandertreffen, so ist das Ergebnis manchmal überraschend. So geschehen gestern in der Schleyerhalle in Stuttgart. Durch einen Kollegen meines Lauftreffs kam ich an eine Freikarte für den Sparkassen Cup. Der Cup ist ein indoor Leichtathletik Meeting, bei dem in der Vergangenheit schon Dieter Baumann, Daley Thompson und Gabriel Haile Gebrselassie um die Wette rannten. An der Stelle möchte ich anmerken, wie leicht mir doch die Worte Leichtathletik Meeting, indoor etc. aus den Fingern gleiten. Es muss daran liegen, dass ich selbst Sport mache. Aber ich schweife ab.

Etwa zu Mitte der Veranstaltung stellte der Hallensprecher ein paar Politiker vor die in der VIP-Lounge, wahrscheinlich bei Prosecco, und Lachsschnittchen, versuchten, sich im Glanz der Veranstaltung zu sonnen. Vermutlich stellen sich die Herren so Volksnähe vor.

Zunächst wurde Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster vorgestellt. Erst Buhrufe, kein Applaus. Dann der baden-württembergische Landtagspräsident Peter Straub. Dass sich Straub kurz vor Ende seiner Dienstzeit noch einen Porsche Panamera als Dienstwagen genehmigen lassen wollte, hatten wohl einige Zuschauer nicht vergessen. Wieder Buhrufe, diesmal aber deutlich lauter als bei Wolfgang Schuster. Zum Abschluss der Politikervorstellungsrunde wurde dann Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech angekündigt. Beim Hauptverantwortlichen für den Polizeieinsatz im Schlosspark vom 30.09.2010, machte sich sich der Volkszorn dann noch einmal um einige Dezibel lauter Luft.

Nach der Vorstellung einiger Sparkassenvorstände, Vorvorstände und wahrscheinlich auch Ihrer Kindermädchen und Putzfrauen -ich habe irgendwann einfach nicht mehr hingehört- war der Spuk vorbei. Ein älterer Herr hinter mir raunte: “Müssen diese Affen eigentlich alle vorgestellt werden?” Ich bin mir nicht sicher, ob er dabei die Vorstandsmitglieder der Sparkasse oder die drei Politiker meinte.

S21

Philipp Mißfelder, seines Zeichens Vorsitzender der Jungen Union, sagte in einem Interview mit dem Deutschlandfunk am 16.11.2010 zum Streit um Stuttgart 21: “Hier geht es darum, dass ein Infrastrukturprojekt gebaut wird, und da gibt es Leute, die sind dagegen, zum Teil sind sie auch dagegen, weil sie vielleicht der eigenen Bequemlichkeit halber sagen, ich möchte vor meiner Tür nicht so eine Baustelle haben, ich habe ja gar nichts davon, warum hier dieser Baulärm und so weiter und so fort.

Dabei offenbart sich zweierlei: zum einen die völlige Ahnungslosigkeit von Herrn Mißfelder. Zum anderen die unglaubliche Arroganz von Politikern, die die Bürger auf die Straße treibt. Herr Mißfelder weiß nicht von was er spricht wenn er meint, “Baulärm” und eine “Baustelle” vor der eigenen Türe wären unter anderem eine der Gründe für den massiven Protest gegen das Projekt.

So gibt es in der Gegend um den Hauptbahnhof und um den Teil des Schlossparks, die direkt von den Baumaßnahmen betroffen sind, kaum Privatwohnungen. Südlich an den Hauptbahnhof grenzt etwa die Fußgängerzone, die sich ca. einen Kilometer weiter gen Süden zieht.

Östlich des Hauptbahnhofs liegt der besagte Schlossgarten. Der Schlossgarten ist seinerseits durch die stark befahrene vierspurige B14 vom Stadtteil Stuttgart Ost getrennt. Ähnlich ist es Richtung Nordwesten, wo die ebenfalls sehr stark frequentierte B27 an das Gebiet um die Jägerstraße grenzt. Direkt hinter dem Hauptbahnhof befinden sich die Gleisanlagen der Bahn AG. Auch hier also weit und breit keine Privatwohnungen und Anlieger die aus Furcht vor Baulärm auf die Straße gehen.

Wer an oder in der Nähe eine der beiden Bundesstraßen wohnt, der kann über die von Herrn Mißfelder aufgestellte Theorie bestenfalls milde lächeln. Die Lärmbelästigung für nicht existierende Anwohner dürfte sich bei Baumaßnahmen am Hauptbahnhof oder im Schlosspark in ebenfalls in Grenzen halten.

Es ist unter anderem genau diese Mischung aus Ahnungslosigkeit und der Einstellung, wir sollen uns doch bitte alle nicht so anstellen, es gehe ja schließlich um das große Ganze, die die Bürger auf die Straße bringt. Im gleichen Interview behauptet Herr Mißfelder übrigens auch, “bei Stuttgart 21 ist das Problem ja einfach gelagert, wenn man das mit der Gesundheitsreform vergleicht, oder mit dem Euro-Rettungsschirm.” Da fragt sich der Leser dieser Sätze schon, ob sich der Urheber dieser Worte auch nur für 5 Minuten eine Übertragung der Schlichtung angesehen hat. Selbst wenn doch, dann hat er wahrscheinlich nichts verstanden.

Lasst die Ahnungslosen regieren!